Dampf und Zucker auf Kuba

- Eindrücke von einer eisenbahn-, industrie- und architekturgeschichtlichen Reise -

Vom 16.2.bis 4.3.1996 machte sich eine Kleingruppe nach Vorbereitung des Schweizer Industriehistorikers und Architekten H.P. Bärtschi nach Kuba auf. Schwerpunkte der Fahrt waren

1. die sehr lebendige Eisenbahn- und

2. Industriegeschichte, insb. Zuckerfabriken

3. Architektur

4. Soweit möglich, Informationen über Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur allgemein.

1. Eisenbahn

Kuba gilt als eines der größten Dampflok - Freiluftmuseen der Welt - zu Recht. Auf vielen Zuckerplantagen wird der Hauptteil des Zuckerrohrtransports zu den Verarbeitungsfabriken ("Central") schienengebunden mit Dampftraktion bewältigt. Wir hatten Gelegenheit, auf einigen der Plantagen mit den Ferrocarrileros jeweils mehrere Stunden gemeinsam unterwegs zu sein. Die älteste betriebene Lok stammt z.B. aus dem Jahr 1876.

Gearbeitet wird im sog. "Titularsytsem", d.h. mit einem Team (kubanisch: "Brigade") von jeweils 4 Beschäftigten, die auf Dauer auschließlich auf einer Lok arbeiten. Das bedeutet während der mehrmonatigen "Ernteschlacht", daß an 6 Wochentagen jeweils 2 Schichten zu je 8 Stunden unmittelbar hintereinander gefahren werden. Ernährung während dieser Doppelschicht: Auskauen von Zuckerrohr: es enthält im Wesentlichen zähe Fasern, die man auslutscht, um einen mild nach Zucker schmeckenden Saft zu erhalten, und wieder ausspuckt. Harte Arbeit also unter extremen Bedingungen (Hitze). Wegen vieler technischer Probleme (z.B. Entgleisungen, z.T. ungebremste Waggons) spielen zugleich Kooperation, Erfahrung und Improvisationsvermögen eine wichtige Rolle, ebenso Leerlauf und beachtlicher Aufwand beim Rangieren.

Kapitalmangel und aufgezwungene Autarkiebemühungen führen auch hier zu Besonderheiten: Streckenreparaturen praktisch ausschließlich in Handarbeit mit personalinteniven Brigaden, bis hin zu Schwellenherstellung mit Axt, Rückbau von Elektroloks zu Dieselbetrieb usw. Die Kohle wird mit Hilfe von Handbaggern verladen.

Eine Sonderfahrt mit der Überland - Straßenbahn Havanna - Hershey gehörte ebenfalls zu diesen Eindrücken. Sie wurde 1916 als Dampfbahn gebaut, 1920 nach dem System Julius Sprague/ General Electric mit Motoren im Drehgestell und Überdruck- Kompressor- Bremsen (Westinghouse) als Triebwagen umgebaut. Am Endpunkt der Linie ein beeindruckendes Ausbesserungswerk mit einem vielseitigen Spektrum an rollendem Material insb. aus den 20er Jahren.

Auf einer der Plantagen konnten wir noch Lokomotiven aus den 20er Jahren in Betrieb sehen, die ursprünglich als Langstrecken - Personenzugloks gebaut worden waren und nun im extremem Kurzstreckenbetrieb eingesetzt werden.

2. Zucker  

Wir hatten Gelegenheit, einige der "Centrales" zu besichtigen. Der Diskussions- und bürokratische Aufwand um die Fotografiermöglichkeit wäre einen eigenen Bericht wert. In mehreren dieser Zuckerfabriken fanden wir Dampfmaschinen, vor allem aus den 20er und 30er Jahren (Pratt & Whitney). Viele waren in den den 60er Jahren durch elektrische Antriebe insb. durch Skoda - Maschinen, ersetzt worden. Beeindruckend die Vorgelegegetriebe. Unterhaltungszustand und Produktivität entsprachen unseren Erwartungen. Staub, Lärm, Hitze und Leckagen allerorten.

Besonders beeindruckend die uns voller Stolz präsentierte Verladung durch eine 20 Mann starken Brigade in einer der Centrales: mit einem Hebel am Vorratsbehälter läuft eine geschätzte Menge Zucker in einen Sack, abnschließend wird der den Sack zur Waage transportiert, dort mit einer Schaufel das Gewicht ausgeglichen, dann zur Nähstation, von dort zum Eisenbahnwaggon, auf einen kleinen Gurtförderer gekippt, im Waggon von Hand gestapelt. Das alles im Höllentempo, angefeuert durch die Trillerpfeife und "Adelante" ("Vorwärts")- Kommandos des Chefs. Nach jeweils 400 Säcken (ca. 1 Stunde) Ablösung. Werkzeug: Nähmaschine, Sackkarre, Schaufel, Gurtförderer, Muskeln.

Das soziale Leben in den Ortschaften spielt sich im Wesentlichen am Eingang der Centrales ab. Treffpunkt, Tauschbörse, Umsteigestation ÖPNV usw. Die luxuriösen Wohngebäude der früheren Zuckerbarone in der Nähe des Eingangs werden meist als Büros genutzt. Die alte Pracht mit umlaufenden Loggien, aufwendigen Wandmalereien und komfortabler Zentralerschließung mit im ersten Stock umlaufender Galerie war z.T. noch zu ahnen. Besonders eindrucksvolle ältere Ruinen dieser Art fanden wir im "Val des los Ingenios" in der Nähe von Trinidad an der Südküste.

Hervorzuheben noch die Besichtigung der Kupfergrube "el Cobre" im Süden der Insel aus dem 16. Jahrhundert, die erste lateinamerikanische Mine der Kolonialzeit. Zwischenzeitlich stillgelegt, wird sie seit einigen Jahren aus Autarkiegründen wieder betrieben mit einem für unsere Begriffe extrem niedrigen Produktivitätsniveau.

Überall wurden wir auf die spezielle Technikkultur gestoßen, die durch Kapitalmangel und Abschneiden vom Weltmarkt bedingt sind, z.B.- beeindruckende amerikanische Straßenfahrzeuge aus den 50er Jahren. Wegen Ersatzteilmangel ist die Relation Reparatur- zu Nettofahrzeit gewiß höher als 1:1.

- Organisation des ÖPNV in Havanna mittels "Kamelen" = Sattelzügen mit speziellkonstruierten Aufliegern in der Form des namengebenden Nutztieres für 300 Fahrgäste, stets zu mehr als 100% ausgelastet.

- Personenverkehr ansonsten über rustikale Fahrräder aus kubanischer oder chinesischer Produktion und auf den Ladeflächen von LKWS oder Traktoranhängern, teilweise mit improvisierten Aufbauten zu "Bussen" umgebaut.

- Improvisierte und kaum nachhaltige Unterhaltung und Reparaturen an Gebäuden und Verkehrsanlagen. Durchgerostete Haken und Balkongitter werden durch entsprechend gebogenen und angeschweißten Baustahl ersetzt, schadhafte Fassaden mit Löchern und deutlich sichtbarer Korrosion werden mit Mörtel auf abenteuerlicher Gerüstkonstruktion zugespachtelt usw.

- Für unsere Begriffe gewaltiger Personalaufwand mit erheblichem Einsatz von Muskelkraft, Erfahrung und Improvisationstalent in Industrie und Landwirtschaft. Dieses Personal muß natürlich vorgehalten werden wegen der Notwendigkeit, raschauf technische Probleme und Ausfälle reagieren zu können, sowie des Mengels an Kapital und damit Werkzeugen und Maschinen. Bei der Zuckerernte spielen z.B. neben Dampfeisenbahn Ochsenkarren und Handarbeit ("Macheteros") eine zentrale Rolle. Zu fragen bleibt natürlich, ob sich dahinter eine latente Arbeitslosigkeit verbirgt, die offenbar wird, wenn Kuba sich den Bedingungen des amerikanischen Markts stellt.

3. Architektur

Kuba verfügt über eine Vielzahl von Baudenkmälern aus der Kolonialzeit und der Zeit der "Pseudo-Republik" (bis 1959). Besonders hervorzuheben natürlich die Altstädte von Havanna und Santiago im "Oriente" mit durchgehendem Altbaubestand - allerdings bis auf wenige renovierte Inseln in beklagenswertem Bauzustand (s.o.). Im Gegensatz hierzu ist Trinidad eine der besterhaltenen kolonialen Städte in Lateinamerika, gegründet 1514, Bausubstanz aus dem 16. bis 18. Jhdt. Besondere Kennzeichen: geschlossene eingeschossige Bebauung in Pastellfarben an kopfsteingepflasterten Straßen, Häuser mit kühlen Innenhöfen, vergitterte raumhohe Fenster.

Durchgängiges Muster der spanischen Kolonialstädte: Großzügiger Rechteckiger Plaza Major mit Kathedrale und Rathaus im Stadtzentrum, an jeder Ecke 2 ebenfalls rechtwinklig abgehende Straßen nach dem Muster der "Computer - Raute" "#", aus denen sich dann das komplette rechtwinklig angelegte Straßennetz ergibt. Bautradition ebenfalls Laubengänge im Erdgeschoß, Holzbalkone oder -loggien im 1. Stock, im 19. Jahrhundert dann Eisengeländer.

4. Soziales

Wir konnten durch die gemeinsamen Fahrten mit den Ferrocarrileros, die Besichtigungen in den Centrales sowie Kontakte mit Freunden und Bekannten Einblick nehmen in die kubanischen Lebensverhältnisse.

Die Versorgungsmängel sind kaum übersehbar: kärgliches Lebensmittelangebot, leere Bars, chaotischer Verkehr, häufige Strom- und Produktionsausfälle. Der sich verschärfende Mangel soll zum Teil auch durch bürokratische Zuteilungssysteme für Waren und Dienstleistungen verwaltet werden.

Beispielsweise Energieeinsparung im Straßenverkehr durch KFZ-Kennzeichen in unterschiedlicher Farbe, z.B. für Firmen- oder Geschäftswagen mit bevorzugter Zuteilung, die dann aber nur bis 18 Uhr die öffentlichen Staßen benutzen dürfen, Privatwagen ohne Zuteilung, Behörden, Tourismus (mit unbegrenzter Zuteilung) usw. Fenster sind (freilich auch klimabedingt) weitgehend glasfrei gehalten.

Im Interesse der Tourismusförderung und zum Abschotten der Prostitution sind inzwischen die großen Hotels und der gesamte Strandabschnitt bei Varadero für Kubaner (außer Personal) gesperrt. So war es schwierig für uns, mit kubanischen Freunden im Hotel gemeinsam zu essen. Auf dem Land weitgehende Subsistenzwirtschaft.

Für uns erstaunlich dagegen, mit welcher Gelassenheit, Freundlichkeit, Improvisationskunst damit umgegangen wurde. Auf der anderen Seite noch immer ein für lateinamerikanische Verhältnisse vorbildliches Gesundheitssystem. Indikatoren sind etwa hohe Lebenserwartung, relativ niedrige Geburtenrate, geringe Kinder- und Säuglingssterblichkeit, Trinkwasser in guter Qualität. Wir erhielten ferner Informationen insb. über Probleme der Energieverorgung, der Landwirtschaft, insb. Rinderzucht und Zuckeranbau, des Tourismus, des Denkmalschutzes.

5. Fazit:

Wer jetzt noch nicht genug gelesen hat oder gar eine Einschätzung der politischen Situation und eine Prognose zur Überlebensdauer des Systems erwartet, dem kann mit einem vertiefenden Dia - Vortrag geholfen werden.

© Christian Brünig                                                                                                                        Stand: 20.06.2005   Dank an