Texte

CUAUHNÁHUAC

Für Adolphe Lechtenberg

 

                                                                     Mächtige Wolkenberge türmten sich am Himmel auf und ließen die                                                                      wirklichen Berge tief unter sich wie kleines, schimmerndes                                                                           Spielzeug erscheinen.
                                                                     Graham Greene                   Die Kraft und die Herrlichkeit
 
                                                    Wie fand Paul Pozozza die schwarze Maske?
                                                                      A.L.

    Heute sind die Bilder verfügbar. Ständig, immer, von allem, von jedem. Und man ist als Betrachter so sehr daran gewöhnt, auch noch den hintersten Winkel der Welt hervorgooglen zu können, dass einem kaum noch zu vergegenwärtigen scheint, seit erst wie kurzer Zeit dies möglich ist. Denn tatsächlich waren es Maler, die ersten, die die abkonterfeiten Bilder einer Neuen Welt hervorzubringen vermochten. Einer Welt, die noch kein Europäer auf dem alten Kontinent zuvor zu Gesicht bekommen hatte. Allenfalls die, die die Reise selber unternommen hatten. Reisephotographie gibt es noch keine zweihundert Jahre. Der Niederländer Frans Post war 1624 der erste gewesen, der Brasilien nicht nur sah, sondern imstande war, die brasilianische Landschaft auch auf Bildern festzuhalten. Zurückgekehrt nach Holland tat er sein  Leben lang nichts anderes mehr, sein Publikum bis hinauf zum Sonnenkönig dankten es ihm mit begeisterter Faszination. Dennoch brauchte es anderthalb Jahrhunderte, bis ein weiterer Künstler, der Brite William Hodges als Begleiter James Cooks nach Indien und Ozeanien aufbrach. Und seine Bilder einer ungesehenen Landschaft haben bis heute nichts von ihrer Frische und überraschenden Unvorhergesehenheit eingebüßt. Bis zu diesen beiden war aller Exotismus, alle Bilder fremder Länder, die in den Köpfen und auf den Leinwänden der Alten Welt herumspukten, nichts gewesen, als schiere Phantasterei. Und wenn auch der Film heute imstande ist, die extravagantesten Habitate sei es in mythischen Vergangenheiten oder weit entfernten Universen hervorzuzaubern, so misst sich das doch nicht an dem atemlosen Staunen, als erster eine neuentdeckte Wirklichkeit aufgreifen zu können, ihrer Gestalt nachzuspüren, sie dingfest zu machen. Post wie Hodges begegnete so das Thema ihres künstlerischen Oeuvres. Und ließ sie nicht mehr los. Wie mag das sein, auf eine Welt zu treffen, die einem gewissermaßen komplementär entspricht. Die einem die eigene werden wird.

   Adolphe Lechtenberg ist das mit Mexico so ergangen. Das Land besuchte er vor einem Jahrzehnt das erste Mal. Um immer wiederzukehren, ja seine Zeit aufzuteilen auf die alte und die neue Welt. Nicht so sehr im Sinne eines Gauguin, der aus seiner Heimat in ein erträumtes Paradies zu flüchten versuchte. Und dies darum, weil die Welt sich eben nicht dem Traum zu fügen gedenkt, tragisch verfehlen musste.

   Mexico hingegen, so faszinierend es sein mag, paradiesisch ist es sicher nicht. Nicht in seinen aktuellen sozialen und politischen Verwerfungen. Nicht in seiner ruhelosen Geschichte. Schauplatz einer der großen Menschheitshochkulturen und der ihr eigenen Atavismen - und atavistischen Schrecken. Wie eines der abscheulichsten Genozide, den die kolonialistischen Konquistadoren je angerichtet haben. Nach wie vor ragen die Artefakte der Vorherigen, der Olmeken, Maya und Atzteken aus dem Boden einer Landschaft, die von tropischen Regenwäldern bis zu Wüsteneien und Hochgebirgsvulkanen alles aufbietet, was den Eingewanderten faszinierend und fremd gewesen ist. Und immer noch schimmern uralte Kulte durch die Spiegeloberfläche des eingeschleppten Christentums. Fällt ein anderes Licht unter dem nördlichen Wendekreis auf alles.

   So ist Mexico für ihn eine Begegnung geworden, die ihn nicht mehr losgelassen hat. Und die Bildwelt seines Oeuvres maßgeblich verwandelt. Auch wenn man offensichtliche Zitate darin vergeblich sucht: keine touristischen Prospekte, keine Postkarten, kein Folklorismus. Vielmehr scheinen die Eindrücke aus den Bilder heraus, oder besser, hindurchzuleuchten: Atmosphärik, Klänge, Nuancen.

   Tatsächlich ist im Vergleich zu seinen früheren Arbeiten vor allem das Fehlen allen Figurativens auffällig. Und wenn da und dort die Anmutung einer Gestalt aufscheint, dann eher im Sinne einer Glyphe, eines verrätselten Zitates, einer geometrischen Chiffre. Das kann eine Ekliptik, das einander Verstellen von Monden, Sonnen und Planeten gewesen sein. Oder wie die Ranken und Triebe einer exotischen Vegetation. Die Illustration eines kosmischen Ereignisses sind sie so wenig wie ein Blick in den Urwald oder auf die gestufte Silhouette einer Tempelpyramide gegen das Licht, vielmehr das Wesen, die Amalgamierung solcher Phänomene. Andere wirken wie der Brodem einer tellurischen Macht, wie das untergründige Geschiebe tektonischer Platten, unter denen sich die Erdkräfte selber seit Urzeiten drängen und wälzen. Materia Prima, das ist auch der Urstoff, aus dem alles geworden ist. Und in den alles zurücksinkt, wenn seine Zeit vergangen ist. Und Materia Prima ist der Stoff des Malens selber, Farbe, Pigment, ihre Strahlkraft, ihr Überlagern und Durchschimmern; das Relief, das ihr Stoff aufwirft, was sich an Duktus auf und darin und darunter ereignet.

   Und ob das nun Öl-oder Acrylfarbe nutzt, oder den extravaganten Übereinanderdruck des Linolschnitts auf Goache oder die pastellenen Kreiden: allerorten sind die farbigen Flächen hier mehr als Oberfläche und Malhaut, sind vielmehr Raum, zuweilen beinahe ungründig in ihren Klängen. Leuchtend von exotischen, intensiven Aromen, Valeurs und Nuancen, voll von Farben, die in unseren gedeckten Breiten rauschhaft anmuten würden. Doch ist der Rausch ganz konzise, je Bild, nichts Überflüssiges, nicht geschmäcklerisch. Und auch die Bildsprache ist überwiegend streng, zuweilen konstruktivistisch verknappt: eine Diagonale, Segmentierung von Kreisen, Parabelkurven. Selbst die Formate verlassen gelegentlich das rechtwinklige Maß, sind Facette und Splitterfläche.

   Bei all ihrer Verhaltung, allem Verzicht auf die konkrete Mitteilsamkeit von Orten,  Abbildern oder Anekdoten, ist der vielleicht faszinierendste Eindruck, den diese Bilder machen, der, wie sehr sie es vermögen, die Begegnung mit der fremden Welt und die Ergriffenheit davon, fassbar zu machen. Und ganz und gar präsent.

20.XI.2016

Gerhard van der Grinten