Kurzfilmtage Thema 2017: Soziale Medien vor dem Internet

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09. März 2017

63. Internationale Kurzfilmtage Oberhausen, 11.-16. Mai 2017

Soziale Medien vor dem Internet, 1960 – 1990
In ihrem diesjährigen Themenprogramm untersuchen die Kurzfilmtage die Vorgeschichte einer Utopie, deren Ende gerade überall verkündet wird

Im August 2016 titelte das Time Magazin „Why we’re losing the Internet to the culture of hate”. Spätestens seit Donald Trumps Wahlsieg ist überall vom Ende der Internet-Utopie die Rede, während Politiker immer lauter schärfere Gesetze gegen Internet-Hetze fordern. Doch um welche Utopie geht es hier genau und wie sahen die Modelle partizipativer Medien vor dem Internet aus? In ihrem Themenprogramm Soziale Medien vor dem Internet, 1960-1990, kuratiert von Tilman Baumgärtel, werfen die Kurzfilmtage einen Blick auf prä-digitale Formen von Medienarbeit aller für alle und fragen, inwieweit sich die aktuelle Entwicklung schon in den frühen Medienexperimenten andeutete und was diese zu einer Neubewertung unserer Gegenwart beitragen können.

 

Den Konsumenten von Medien zum Produzenten von Medien zu machen war jahrzehntelang ein Traum linker Medientheoretiker. Man hoffte auf eine Medienzukunft, in der die Macht der Verlage und Sender zugunsten von demokratischen und partizipativen Medien gebrochen wäre. Das Programm Soziale Medien vor dem Internet, 1960-1990 zeigt die vielseitigen und teils wenig bekannten Formen alternativer Medienarbeit vor der weltweiten digitalen Vernetzung.

Ab Mitte der 1960er Jahre gab das Aufkommen von Video diesem Traum neuen Auftrieb. In den USA entwickelten sich Ende der 60er Jahre erste Videokollektive wie die Videofreex oder die Raindance Corporation, die mit dem Anspruch auftraten, eine mediale Gegenöffentlichkeit aufzubauen. In Europa kamen solche Konzepte erst in den 70er und 80er Jahren ihrer Realisierung näher, durch die Arbeit alternativer Videogruppen, aber auch bei einer Reihe von Projekten im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Ab Mitte der 80er Jahre gab die Online-Vernetzung über Mailboxen der Hoffnung auf demokratischere Medienformen neue Nahrung. So entstanden alternative Online-Netze wie zum Beispiel das CL-Netz, die erste Infrastruktur zur digitalen Vernetzung von alternativen Gruppierungen im deutschsprachigen Raum, aber auch hybride Medienformate aus Online-Medien und Fernsehen wie zum Beispiel das documenta-Projekt Piazza Virtuale des Künstlerkollektivs Van Gogh TV. Gezeigt werden zahlreiche Beispiele aus der Fernseh- und Kunstgeschichte, darunter Arbeiten von Nam June Paik, Paper Tiger Television oder Harun Farocki.

Doch in den letzten Jahren werden zunehmend auch die Schattenseiten der medienvermittelten Kommunikation aller mit allen deutlich. Politische Hetze, Rassismus, Verschwörungstheorien und eine unversöhnliche und an Argumenten anderer desinteressierte Diskussionskultur in den Sozialen Medien lassen die utopischen Hoffnungen der Vergangenheit in einem neuen Licht erscheinen und werfen die Frage auf, inwiefern sich diese Entwicklung möglicherweise schon bei den frühen Medienexperimenten andeutete.

Der Kurator:
Dr. Tilman Baumgärtel
ist Professor für Medientheorie an der Hochschule Mainz. Er lehrte u.a. an der Universität Paderborn, der University of the Philippines in Manila und der Royal University of Phnom Penh. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören Netzkunst und -kultur, Medienkunst, alternative Kinoformen und Computerspiele. Er lebt in Berlin.
Publikationen (Auswahl):
Vom Guerilla-Kino zum Essayfilm: Harun Farocki. Monographie eines deutschen Autorenfilmers, Berlin 1998; net.art. Materialien zur Netzkunst, Nürnberg 1999; Pirate Essays. A Reader in International Media Piracy, Amsterdam 2016.

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