Gazette Neue Musik in NRW - Ausgabe Februar 2026

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28. Januar 2026
Autor:Innen Petra Hedler

Gewesen: Frakzionen in Bielefeld

Angekündigt: Klavierfestival Ruhr mit Hommage an Kurtág – NOpera! in Münster u.v.a.m.

 

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[Frakzionen in Bielefeld]

 

Nach meinen positiven Erfahrungen im Jahr 2024 (s. Gazette vom Februar 2024) hat es mich zum Jahresauftakt erneut nach Bielefeld gelockt und ich wurde auch diesmal nicht enttäuscht. Bereits zum 9. Mal veranstaltete Christof Pülsch das Festival Frakzionen, das vom 16. bis 18.1.26 mit zwölf Konzerten und zwei Vorträgen ein umfangreiches Programm bot. Pülsch ist Kirchenmusiker der Zionsgemeinde und nutzt die schlichte und gleichzeitig anheimelnde Zionskirche, erhöht auf dem Zionsberg südlich der Bielefelder Innenstadt gelegen, als Austragungsort für fast alle Veranstaltungen. Im Vorfeld befasste er sich in einem einleitenden Beitrag mit dem Thema ‚Neue Musik als religiöse Praxis‘, wobei er den Begriff der Religiosität jenseits von Dogma und konfessioneller Bindung sehr weit fasst. Entscheidend ist für ihn die Bereitschaft und die Fähigkeit, die eigene Begrenztheit zu transzendieren, sich berühren, verändern und gegebenenfalls auch verstören zu lassen – mit dem Risiko des Fremdseins und des Fremdbleibens. Sein Anliegen, hierfür einen geeigneten Raum zu schaffen, ist ihm offensichtlich gelungen. Das Festival richtet sich nicht in erster Linie an das einschlägige Fachpublikum sondern an die Menschen vor Ort, die allerdings einige Zeit brauchten, um sich auf das ungewohnte Angebot einzulassen. Zeitzeugen berichten, dass die Konzerte anfangs vor sehr kleinem Publikum stattfanden, doch das ist längst Vergangenheit. Inzwischen ist die Kirche gut gefüllt, eine engagierte Schar ehrenamtlicher Helfer und Helferinnen sorgt für eine gastfreundliche Atmosphäre und längst hat es sich auch über den engeren Einzugsbereich hinaus herumgesprochen, dass sich der Weg nach Bielefeld lohnt. In der Aussprache nach Pülschs Vortrag fiel wiederholt das Wort Vertrauen, Vertrauen in den Veranstalter, die Musiker und Musikerinnen. Doch von ebenso großer Bedeutung ist das Vertrauen, das Pülsch dem Publikum entgegenbringt. Anstatt – wie gerne propagiert – die Menschen dort abzuholen, wo sie sind, lockt er sie ganz gezielt aus ihren Komfortzonen heraus, vertraut ihnen und traut ihnen etwas zu. Anstatt nur unterhalten und bespaßt zu werden, werden sie ernst genommen – ein Ansatz, der offensichtlich auf Resonanz stößt.

Was die eingeladenen Ensembles anbelangt, so fiel ein Vertrauensvorschuss nicht schwer. Mit dem Ensemble Ascolta aus Stuttgart, dem Trio Abstrakt und dem Ensemble BRuCH waren vertraute Namen zu Gast. Den Auftakt gestalteten Pia Marei Hauser (Flöte), Marko Kassl (Akkordeon) und Paul Pankert (Live-Elektronik). In Toshio Hosokawas Bird Fragments III gleitet die Flöte mal zart, mal exaltiert über Akkordeonwogen. Pankert erweitert in seinen Werken die Instrumentalstimmen live-elektronisch. In Fake-Flutes erhält die Flöte einen Schatten, eine Aura, wächst über sich selbst hinaus und verselbständigt sich im Raum, während Wasser von dunklem Raunen und Grollen bis zu gemächlichem Fließen verschiedene Aggregatzustände erkundet. Das Ensemble Ascolta war gleich mit drei Konzerten vertreten, wobei neben bekannten Namen wie Isabel Mundry, Martón Illes und Gordon Kampe auch die Uraufführung eines Frakzionen-Kompositionsauftrags auf dem Programm stand. In Shadi Kassaees fading für Gitarre, Cello, Trompete und Posaune erscheinen zwischen teils harschen, sich verflüchtigenden Impulsen melodische Floskeln und melancholische Anflüge wie Reminiszenzen an eine versunkene Welt, von denen zum Schluss nur ein tonloses Flattern zurück bleibt. Die beiden Ascolta-Schlagzeuger Julian Belli und Boris Müller hoben zudem ein Werk von Michael Pelzel aus der Taufe. In Reflections of Eternity zelebriert er auf alle erdenkliche Weise Ausschwingvorgänge, vom Brummen und Jaulen von Pauke und großem Gong bis zu ätherischem Sirren und sirenenhaftem Flirren. Einen weiteren Kompositionsauftrag brachte das Trio Abstrakt zu Gehör. In Macarena Rosmanichs We are walls, where once were windows behauptet sich zwischen den markanten trockenen Impulsen des Schlagzeugs und des präparierten Klavier (das dadurch selbst zum Perkussionsinstrument wird) das Saxophon, ruhig schwebend, vibrierend, mit kleinen Arabesken, sich niemals vordrängend und trotzdem ausgesprochen präsent. Im Anschluss erklang durch von Mark Andre. Nach einem erstaunlich energischen Beginn wird die Musik immer durchsichtiger und ungreifbarer, verflüchtigt sich zu kleinsten Gesten, Atmen, Hauchen. Das Publikum war mit äußerster Konzentration bei der Sache – man hätte eine Stecknadel fallen hören.
Das Frakzionen-Festival ist inzwischen einige interessante Kooperationen eingegangen – u.a. mit dem John Cage Award in Halberstadt. Ergänzend zu dem Orgelprojekt, bei dem Cages Werk ORGAN²/ASLSP – As SLow aS Possible – über einen Zeitraum von 639 Jahren erklingt (mit entsprechend seltenen Klangwechseln – der 17. findet am 5.8.26 statt), ist in Halberstadt die Cage-Academy entstanden, die seit 2008 den Cage Award für Interpreten und Interpretinnen auslobt. Als ehemalige Preisträger waren in diesem Jahr das Akkordeon-Duo con:trust mit Marius Staible und Daniel Roth und die Sopranistin Nora Bertogg in Bielefeld zu Gast. Bertogg hatte mit Cathy Berberians vertontem Comicstrip Stripsody und Georges Aperghis Recitation Nr. 9 ein virtuoses Programm im Gepäck, bei dem sie nicht nur ihre stimmlichen sondern auch ihre schauspielerischen Fähigkeiten überzeugend zum Einsatz bringen konnte. Aperghis’ vokalakrobatische Recitations haben auch das Ensemble BRuCH gereizt, wobei sich sowohl die Sopranistin Marie Heeschen als auch die Flötistin Sally Beck als Vokalsolistinnen hervortaten. In Two bards (among tygers wild) von Daniel Alvarado Bonilla sind die Rollen wieder traditionell verteilt. Begleitet von Flöte, Cello und Klavier singt Heeschen Texte von William Blake und Allen Ginsberg, traumwandlerisch, unterwandert von melodischen Passagen und aufblitzenden Zitaten, wie angewehte Erinnerungen.
Ein weiterer Kooperationsstrang führt in die Schweiz und brachte diesmal das Harfenduo AEcstaly nach Westfalen. Harfen, noch dazu im Doppelpack, wecken bei mir normalerweise keine spontane Begeisterung, doch was Alice Belugou und Estelle Costanzo zu Gehör brachten, ließ ich mir gefallen. In Huihui Chengs Tu n’es pas chat für zwei präparierte Harfen & Stimme entsteht durch den Einsatz profaner Gerätschaften (von Gläsern und Schnüren bis zu Spüllappen) eine fragile, poetische von zarten Gesten und Rufen geprägte Klanglandschaft. Und auch Ligetis für Cembalo komponiertes Werk Continuum bekommt in der Version für zwei Harfen einen ganz neuen Charakter. Das mechanistisch-enervierende weicht einer Leichtigkeit und Luftigkeit, es entsteht der Eindruck eines sich bewegenden Vorhangs, der immer neue Faltungen und Ausblicke freigibt.
Mit Steven J. Heelein, Komponist, Kirchenmusiker und Benediktineroblate (hierbei handelt es sich nicht um ein Gebäck sondern um eine Person, die ein Leben nach dem Geist einer bestimmten Ordensregel führt) eröffnete sich noch einmal eine sakrale Ebene. Wie er in einem einleitenden Vortrag erläuterte (Versuch einer musica solitudine oriens) entspringt für ihn schöpferische Tätigkeit aus der Erfahrung einer existentiellen Einsamkeit und der Sehnsucht nach nie erreichbarer Vollkommenheit. In seinem Werk deine Wohnungen, Herr entsteht daraus ein Klangraum für Stimmen & Instrumente. Die Mitglieder des Projektchors der Zionsgemeinde agieren dabei aus dem Publikum heraus und erzeugen zusammen mit instrumentalen Akzenten (Trompete, Bassposaune, Schlagzeug und Klavier) eine eigenwillige Atmosphäre, die berührt ohne zu vereinnahmen.
Auch Rainer Nonnenmann befasste sich in seinem Vortrag mit dem Transzendenz-Versprechen der Neuen Musik und identifizierte den Wunsch nach Grenzüberschreitung und Regelauflösung als Grundlage der europäischen Musikgeschichte. Aus heutiger Sicht verblüfft es, mit welchem Selbst- und Sendungsbewusstsein Protagonisten wie Schönberg und Stockhausen erfüllt waren. Da sollte nicht nur die Musik sondern der Mensch neu erfunden und die Wahrheit dingfest gemacht werden. Das Ergebnis waren Größenwahn und Selbstüberschätzung aber auch faszinierende Experimente, bei denen man (wie bei Stockhausens Helikopterquartett) auch schon einmal die Bodenhaftung verlieren konnte.
Doch zurück zu den Frakzionen: Noch nicht erwähnt habe ich das Ensemble Earquake, das Neue Musik-Ensemble der benachbarten Hochschule für Musik in Detmold, das Werke von Kurtág, Bauckholt, Kampe und Adrien Trybucki im Gepäck hatte und John Eckhardt, der den ersten Festivaltag mit seinem Kontrabass ausklingen ließ und dabei von dunklem Grummeln bis zu hohem Säuseln, von geräuschhaften Eskapaden bis zu melodiösen Anwandlungen die ganze Bandbreite seines Instruments auskostete.
Vor allem möchte ich den Termin für das nächste Frakzionen-Festival nicht unerwähnt lassen: Den 15. bis 17.1.27 kann man sich schon einmal vormerken.

[Termine im Februar]

Köln

In der Philharmonie stehen die Cellistin Valerie Fritz und der Akkordeonist Goran Stevanovich am 1.2., The Wave Quartet am 3.2. sowie das Concert Românesc von Ligeti am 22.2. auf dem Programm. Im Atelier Dürrenfeld/Geitel erwarten uns die Soundtrips NRW am 5.2., die Flötistin Marina Cyrino am 11.2., das Trio Strinning/Heinemann/Long am 23.2. und Werckmeister am 24.2. Die Hochschule für Musik und Tanz kündigt ein Konzert mit den Ensembles COLab Cologne und Unfeed format am 4.2. an, in der Alten Feuerwache kommt vom 5. bis 7.2. die Polit-Oper Amusing Ourselves to Death zur Aufführung, o-ton präsentiert am 7.2. Neues für Oboe & Klavier und am 20.2. sind Mark Polscher und Florian Zwißler im Antiqiariat Langguth zu Gast. Im Stadtgarten steht am 23.2. die Band müde in der Reihe NICA live auf der Bühne, im japanischen Kulturinstitut erklingen ebenfalls am 23.2. Ainu-Gesänge und in der Kunststation Sankt Peter findet am 28.2. ein Lunchkonzert statt.
Einblicke in die freie Szene bekommt man bei ON Cologne und Noies, der Zeitung für neue und experimentelle Musik in NRW, jeden 2. und 4. Dienstag im Monat sendet FUNKT ein Radioformat mit Elektronik und Klangkunst aus Köln und jeden letzten Mittwoch im Monat findet die Soirée Sonique im LTK4 statt. Fast täglich gibt es interessante Konzerte im Loft und weitere Termine und Infos finden sich bei kgnm, Musik in Köln und impakt sowie Veranstaltungen mit Jazz und improvisierter Musik bei Jazzstadt Köln.

Ruhrgebiet

Das auf Live-Musik zu Stummfilmen spezialisierte Ensemble Interzone Perceptible ist am 19.2. in Bochum und am 22.2. in Essen zu erleben.

Am 7.2. sind die Soundtrips NRW im Kunstmuseum Bochum zu Gast und das Klavierfestival Ruhr widmet sich am 21.2. und 22.2. György Kurtág.

Im Konzerthaus Dortmund spielen Patricia Kopatchinskaja und Sol Gabetta am 27.2. Werke von Ligeti, Widmann u.a., im domicil steht am 19.2. The Dorf auf der Bühne und in der Parzelle erwarten uns die Soundtrips NRW am 6.2., das Free-Funk-Projekt Jooklo am 7.2. und Earscratcher am 26.2. Im Künstlerhaus ist noch bis zum 15.3. Klangkunst ohne Lautsprecher zu erleben.

Am 9.2. kommen die Soundtrips NRW nach Duisburg ins Lokal Harmonie und im Lehmbruck Museum erwartet uns am 26.2. eine Hommage zum 100. Geburtstag von György Kurtág.

In Essen sind die Soundtrips NRW am 2.2. im Rabbit Hole Theater zu Gast, die Philharmonie präsentiert am 5.2. ein Kompositionsprojekt für weiterführende Schulen zu Luciano Berios Klangwelt, in der Zeche Carl findet vom 19. bis 21.2. das Joe Festival statt und im Rahmen des Tikwah-Festivals jüdischer Musik erklingt am 22.2. in der alten Synagoge Musik von Ruth Schonthal und Ursula Mamlok.

Düsseldorf

Am 4.2. kommen die Soundtrips NRW ins Theatermuseum, die Robert Schumann Hochschule präsentiert am 11.2. und 12.2. Arbeiten des Studienschwerpunkts Visual Music und in der Tonhalle stehen Musik von György Kurtág am 20., 22. und 23.2. sowie das notabu.ensemble am 25.2. auf dem Programm.

Sonstwo

In der 76. Ausgabe der Soundtrips NRW reist Felix Nussbaumer vom 31.1. bis 9.2. mit Saxophon und Live-Elektronik durchs Land und trifft auf wechselnde Gäste.

In der Aachener Raststätte erwartet uns am 4.2. Synthesizer Jam und die Gesellschaft für zeitgenössische Musik Aachen kündigt die Reihe 'Hören und Sprehen über Neue Musik' am 6.2. und den Pianisten Jan Gerdes am 7.2. an.

Die Cooperativa Neue Musik in Bielefeld veranstaltet monatlich einen Jour fixe und im Theater hat am 21.2. Kassandra mit Musik von Mathis Nitschke und Stefan Behrisch Premiere. Erste Einblicke gibt es bereits am 9.2.

Die In Situ Art Society präsentiert am 17.2. im Bonner Dialograum Kreuzung an Sankt Helena in der Reihe ‚The Dissonant Series‘ ein Doppelkonzert.

In der Hochschule für Musik in Detmold ist am 6.2. das hauseigene Ensemble Earquake zu erleben.

Das E-Mex Ensemble lädt am 7.2. zu einem musikalischen Spaziergang durch das Museum Goch ein.

Das TAM, Theater am Marienplatz in Krefeld, lädt jeweils freitags um 22 Uhr zum Nachtprogramm.

In Moers hat die griechische Vibraphonistin, Perkussionistin und Komponistin Evi Filippou den Staffelstab als Improviser in Residence übernommen. Am 6., 15. und 21.2. ist sie an verschiedenen Orten und mit verschiedenen Mitstreitenden zu erleben.

In der Black Box Münster erwarten uns außer den Soundtrips NRW am 1.2. Veranstaltungen in der Reihe elektroFlux am 12.2., 21.2., 27.2. und 28.2. und im Theater hat am 27.2. Die Kantine, ein Musiktheater im ganzen Haus von Nico Sauer, Premiere. Folgeaufführungen des neuesten NOperas!-Projekts finden am 13. und 14.3. statt.

Das Studio für Neue Musik der Uni Siegen lädt am 8.2. ein zu einem Konzert in der Nicolaikirche.

Partita Radicale präsentiert am 1.2. in Solingen eine audiovisuelle Reise durch Reinigungsrituale der modernen Gesellschaft

Im Wuppertaler ort stehen das New Cretan Quartet am 7.2. und das Trio Helicopter am 24.2. auf dem Programm.

Weitere Termine mit improvisierter Musik finden sich bei NRWJazz.

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Impressum:
Konzept, Redaktion & Umsetzung: Petra Hedler

neuemusik@kulturserver-nrw.de

Partnerprojekt der Stiftung kulturserver.de gGmbH
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redaktion@kulturserver.de

 

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